Nach Hausfrauenart
Gut gelaunt öffnete Raymond de Vries die Tür zu seiner Hotelsuite. Wieder einmal hatte er die Trottel der Gemeinsamen Fischereipolitik dazu gebracht, die Fangquoten für Hering, Kabeljau und Alaska-Seelachs deutlich höher anzusetzen, als es die Bestände vertrugen. Die enormen Kosten, die große Nachfrage und der drohende Verlust von Arbeitsplätzen wiesen die ökologischen Bedenken erneut in ihre Schranken und wo Argumente nichts ausrichteten, halfen Bestechungsgelder dem gewünschten Abstimmungsergebnis auf die Sprünge.
„Morgen wollen sie mir tatsächlich einen Orden für außerordentliche Verdienste im Umweltsektor verleihen", murmelte de Vries vor sich hin. „Wie blöd kann man sein?"
Lächelnd schob er die Gedanken an den Job beiseite. Jetzt kam das Vergnügen an die Reihe.
Was die Optik anbelangte, hatte der Manager des Hotels nicht zu viel versprochen. Die Brünette war zweifellos jünger, hübscher und vollbusiger als Mathilda. Sie mochte Ende Zwanzig sein und trug ein knappes, schwarzes Kleid mit weißem Rüschenkragen und weißem Schürzchen. Zusammen mit den Handschuhen, den Strapsen und den Pumps sah sie zum Anbeißen aus. Ob sie hier auch als richtiges Dienstmädchen arbeitete?
„Hallo, wen haben wir denn da?", fragte de Vries. „Wenn das mal nicht die schönste Perle von ganz Hamburg ist."
Die Frau kicherte, aber ihre Augen verrieten, dass sie das Kompliment nicht wirklich verlegen machte. Ohne den erwarteten Knicks, aber mit trippelnden Schritten und wackelnden Hüften lief sie auf ihn zu. Wollte sie ihn verschaukeln? „Moment, ich helfe Ihnen."
Ihre Stimme war angenehm tief. Sie nahm ihm das Jackett ab und de Vries sog ihren Duft ein, meinte Pfirsich und Vanille wahrzunehmen. Dazu animalisches Zibet. Von Unterwürfigkeit keine Spur.
„Wie heißt du?", erkundigte er sich und fuhr mit der Hand durch das angegraute Haar. Sie hätte ihren Namen längst nennen sollen. Offenbar war bei der Übermittlung der Anweisungen etwas schief gelaufen.
„Babette, Herr de Vries. Kommen Sie, der Tisch ist bereits gedeckt."
Master Ray wäre die korrekte Anrede gewesen. Und von der Choreografie auf dem Wasserbett, nach der sie ihn füttern sollte, wusste sie auch nichts.
„Wieso hältst du dich nicht an den vereinbarten Ablauf?"
Babette zauberte eine Pistole mit Schalldämpfer unter der Schürze hervor und richtete sie auf de Vries.
„Weil mir das zu albern ist und das echte Mädchen bewusstlos, geknebelt und gefesselt in der Badewanne liegt."
De Vries zuckte zurück. „Hoppla. Was soll das denn werden?"
War das ein schlechter Scherz oder doch etwas Ernsteres? Auf jeden Fall handelte es sich um eine Krisensituation, die es souverän zu meistern galt.
„Ab ins Esszimmer, die Matjesfilets nach Hausfrauenart warten", befahl Babette.
Mit dem Lauf der Waffe dirigierte sie seinen massigen Körper durch die Suite.
„Geht es Ihnen um Geld?", wollte de Vries wissen, als er sich mühsam auf dem Stuhl niederließ. „Bar habe ich nur ein paar hundert Euro dabei."
„Gute Idee, danke für den Hinweis." Babette grinste und nahm ebenfalls Platz. „Die Brieftasche befindet sich in Ihrem Jackett, oder? Da hole ich sie mir nachher raus."
Verdammt! Aber was wollte das Miststück von ihm? Wahrscheinlich keinen Sex, was angesichts der üppigen Kurven und der Tatsache, dass er dafür bezahlt hatte, äußerst ärgerlich war.
„Nun essen Sie erst einmal", fuhr die Frau fort. „Auftun müssen Sie sich allerdings selbst, denn ich habe nur eine Hand frei."
Sie nickte in Richtung des Servierwagens, auf dem sich ein Rechaud mit Pfanne und eine Porzellankokotte befanden, die sich harmonisch in das Gesamtbild der im Jugendstil gehaltenen Suite einfügten.
„Das hätten Sie mir auch sagen können, bevor ich mich gesetzt habe", stöhnte de Vries. Schwerfällig erhob er sich wieder, nahm seinen Teller und schlurfte los.
„Etwas Bewegung kann Ihnen nicht schaden", konterte Babette, „zumal Sie alles allein aufessen müssen. Wenn Sie schlau sind, holen Sie den Wagen an den Tisch."
„Sie möchten nichts von der leckersten Speise der Welt? Das kommt einer Todsünde gleich. Haben Sie etwa Gift hineingemischt?"
„Ich mag keinen Fisch." Babettes Ton wurde scharf. „Schon gar nicht, wenn er nicht aus einer nachhaltigen Fischerei stammt. Oder wollen Sie mir weismachen, dass dieser Matjes mit dem MSC-Siegel zertifiziert ist?"
Daher wehte also der Wind. Er hatte es mit einer militanten Ökotussi zu tun, der die elementare Einsicht fehlte, dass es in absehbarer Zeit mit der Fischerei sowieso vorbei war. Es lag in der Natur des Menschen, das zu vergeigen, doch bis dahin geboten es Verstand und Appetit, so viele Meeresköstlichkeiten wie möglich zu verkaufen und zu verspeisen. Jetzt musste er nur noch herausfinden, welchen kranken Plan dieses fehlgeleitete Wesen verfolgte. Um an den diesjährigen Quoten noch zu rütteln, war es jedenfalls zu spät.
„Äh ... nein. Aber wenn man den Umweltschutzorganisationen Glauben schenkt, zählt Hering zu den wenigen Fischen, die man noch guten Gewissens verzehren darf."
Dass echter Matjes ab Ende Mai nur für kurze Zeit gefangen wurde und dadurch keine Gelegenheit zur Fortpflanzung bekam, ließ de Vries geflissentlich unter den Tisch fallen.
„Tatsächlich?" Babette wirkte leicht verunsichert. „Ich verzichte trotzdem."
„Sie verpassen ein Meisterwerk der Kochkunst", meinte de Vries schmatzend und überlegte, ob er seiner Widersacherin etwas entgegenschleudern sollte. Den Kocher vielleicht oder den Topf. „Der Matjes ist ausgezeichnet, zusammen mit den Gurken, Zwiebeln und Äpfeln in der Sahnesoße einfach ein Gedicht. Dazu die Bratkartoffeln ... himmlisch." Sie wäre angeschlagen oder wenigstens für einen Moment abgelenkt. Er würde sich auf sie stürzen und sie überwältigen. Wenn es sein musste, konnte er sich schneller bewegen, als man es ihm zutraute. „Wollen Sie nicht wenigstens probieren?"
Babette schüttelte den Kopf und gab dem Servierwagen einen Schubs, sodass er außer Reichweite rollte. „Genießen Sie einfach Ihre Henkersmahlzeit. Und versuchen Sie keine Dummheiten, sonst sterben Sie noch vor dem letzten Bissen."
Klappernd fiel das Besteck auf den Teller.
„Aber wieso ...?"
„Als aufgeklärte Konsumentin kann ich die Verschwendung von Lebensmitteln nicht ausstehen. Das gilt sogar für Fisch. Deshalb werden Sie brav zu Ende futtern, bevor ich Sie umpuste."
Welch verdrehte Logik! Dann erkannte de Vries den Ausweg.
„Falls ich mich weigere aufzuessen, dürfen Sie mich also nicht erschießen, denn dann ..."
Ein leises „Plop" unterbrach den Redefluss. Noch mehr hasste Babette die leidigen Diskussionen, mit denen ihre Opfer den Kopf aus der Schlinge ziehen wollten. Sie fing den nach vorne sackenden Leib ab und ließ ihn zur Seite kippen. Seufzend griff sie danach zur Gabel.
Eine Stunde später. Das Telefon klingelte, gerade als Mathilda de Vries im Dienstmädchen-Kostüm auf ihrem Fitnesstrainer saß und ihn mit Heringshäppchen fütterte. Sie langte nach dem Hörer.
„Ja?"
„Auftrag ausgeführt."
„Gab es Schwierigkeiten?"
„Nein. Betrachte dich als Erbin eines stattlichen Fischereiimperiums. Apropos Fisch: Wenn wir uns das nächste Mal mit der Kochgruppe treffen, sollten wir unbedingt Matjesfilets nach Hausfrauenart zubereiten. Das schmeckt doch besser, als ich dachte."
© 2008, Olaf Trint


