Die Nacht der unglaublichen Anrufe

Ralf träumte von schönen Frauen. Das tat er oft, wahrscheinlich deshalb, weil es sie in seinem realen Leben nicht gab. Die Gründe für ihr Fehlen waren vielfältig und nach Ralfs Auffassung nicht von logischer Natur. Eigentlich war er doch ein netter, umgänglicher und durchaus attraktiver Typ.

Das Telefon klingelte und riss ihn aus dem Schlaf. Abrupt wurde einer der aufregendsten Küsse überhaupt unterbrochen. Alles andere als wach und noch nicht im Besitz einer akzeptablen Orientierung griff Ralf zum Hörer.

"Ja?"

"Hallo Herr Wollmann, hier spricht Ihr persönlicher Lebensberater. Werner Hippelbein ist mein Name. Wenn Sie jetzt nicht genervt auflegen, obwohl 2 Uhr 34 in der Nacht wirklich ein Zeitpunkt ist, wo Ihnen das niemand verdenken würde, dann wird sich, das verspreche ich Ihnen, Ihr Leben radikal verändern. Zum Positiven, versteht sich."

"Ach?!"

Ralf versuchte mühsam, seine Sinne zusammen zu bekommen. Er hatte einen persönlichen Lebensberater namens Hippelbein? Seit wann? Und radikale Veränderungen, wollte er die überhaupt?

"Genau! Alles, was Sie jetzt tun müssen, ist Folgendes:

Springen Sie aus dem Bett, stellen Sie sich auf das linke Bein, schließen Sie das rechte Auge, atmen Sie tief ein und klatschen Sie dreimal in die Hände. Den Hörer müssen Sie natürlich vorher zwischen Schulter und Kinn klemmen Dabei ist es egal, welche Schulter Sie nehmen. Dann äußern Sie laut Ihren sehnlichsten Wunsch, legen auf und warten, was passiert."

"Bitte was?"

Das deutliche Gefühl verarscht zu werden durchdrang Ralfs Schlaftrunkenheit. Mit dem Erwachen wuchs seine Verärgerung.

"Wenn Sie möchten, wiederhole ich die Instruktionen noch ..."

Ralf unterbrach die Verbindung. Sofort klingelte das Telefon ein weiteres Mal.

"Was fällt ..."

Am anderen Ende meldete sich eine Frauenstimme zu Wort:

"Guten Tag, Herr Wollmann. Mein Name ist Tamara Fischer. Ich bin die persönliche Lebensberaterin von Werner Hippelbein. Ich hoffe, es ist noch nicht zu spät. Falls Herr Hippelbein bei Ihnen anrufen sollte und Ihnen verspricht, dass sich Ihr Leben radikal verändern wird, wenn Sie seinen Anweisungen folgen, hören Sie auf gar keinen Fall auf ihn. Er ist geistig verwirrt und redet nur dummes Zeug."

Mit sehr viel Mühe riss Ralf sich zusammen. Er ahnte, dass sich diese Posse zu seinen Ungunsten auswirken würde, wenn er nicht etwas souveräner mit ihr umging. Die Worte "Versteckte Kamera" und "Verstehen Sie Spaß?" kamen ihm in den Sinn.

"Herr Hippelbein hat bereits angerufen. Ich habe ihm sofort angemerkt, dass er nicht richtig tickt und bin auf den Quatsch, den er mir erzählt hat, selbstverständlich nicht eingegangen."

"Puhh, da haben Sie aber Glück gehabt. Es ist nämlich sehr wichtig, dass Sie sich auf das rechte Bein stellen. Auf gar keinen Fall auf das linke. Und dann müssen Sie sich mit der rechten Hand die Nase zuhalten und mit der linken Hand in das rechte Ohrläppchen kneifen. Den Hörer packen Sie am besten vorher zur Seite. Äußern Sie dann Ihren sehnlichsten Wunsch, legen Sie auf und warten, was passiert."

"Warum sollte ich so handeln? Ich denke, Sie sind die Beraterin von Herrn Hippelbein, was habe ich damit zu tun?"

"Wegen des kosmischen Gleichgewichts. Ach, das ist alles so furchtbar kompliziert. Auf jeden Fall soll es Ihr Schaden nicht sein."

Damit beendete sie das Gespräch. Ohne sich zu verabschieden.

Keine zwei Minuten später klingelte das Telefon erneut. Ralf stellte fest, dass er doch irgendwie gespannt darauf war, wer sich als nächstes melden würde. Wahrscheinlich der Lebensberater von Tamara Fischer.

"Hallo Ralf! Hier ist die Sabine Knopf, deine dir vorherbestimmte Traumfrau. Das heißt, ich werde deine Traumfrau sein, wenn du verhinderst, dass ich mich in diesen schrecklichen Hippelbein verlieben muss."

Das war der Gipfel, aber andererseits klang Sabines Stimme ganz hübsch.

"Und was für Verrenkungen muss ich dafür machen?"

"Verrenkungen? Gar keine. Du musst lediglich bei Paul Krümel anrufen, ihm erklären, dass du sein Lebensberater bist, und ihn dazu bringen "I'm singing in the rain" in den Hörer zu pfeifen. Damit brichst du den Fluch, mit dem Erwin Hollerich die Sophie Kühnstedt belegt hat, und alles wird gut."

Ralf legte auf, bevor Sabine ihm die Nummer von Paul durchgeben konnte. Dann zog er den Stecker des Telefons aus der Buchse und schaltete vorsichtshalber auch sein Handy aus. Die Welt war verrückter, als er immer gedacht hatte. Es läutete an der Tür. Ralf schlich zum Spion, konnte draußen aber niemanden erkennen, weil die Treppenhausbeleuchtung nicht eingeschaltet war. Ein sehr guter Grund, auf keinen Fall zu öffnen.

"Wer ist denn da?"

"Hier ist Ihre Nachbarin, Anne Brecht. Das Licht im Treppenhaus funktioniert nicht. Bitte machen Sie auf, ich muss Ihnen etwas Wichtiges mitteilen."

Anne Brecht war tatsächlich Ralfs Nachbarin, eine ziemlich hübsche noch dazu. Irgendwie war es ihm aber nie gelungen, sie näher kennen zu lernen. Meistens sah er sie in Begleitung von fremden Männern, die er für ihre Lebensabschnittsgefährten hielt.

Ralf öffnete.

"Danke", seufzte Anne, fiel ihm um den Hals und küsste ihn leidenschaftlich. "Sie ahnen ja nicht, wie seltsam diese Nacht ist. Unglaubliche Telefonanrufe habe ich bekommen, von Bekloppten, das können Sie sich gar nicht vorstellen."

Doch, das konnte Ralf nur zu gut nachvollziehen. Was er nicht verstand, war Annes plötzliche sehr überschwängliche Begeisterung für seine Person.

"Wieso tun Sie das?", fragte er.

"Das ist eine lange Geschichte. Fest steht, Sie sind mein mir vorherbestimmter Traummann. Wir müssen jetzt nur noch gemeinsam einen Tango tanzen und bei Marlene Wiegandt anrufen."

 

© 2006, Olaf Trint