Der Vertreter

Johann Pichler hasste seinen Job als Staubsaugervertreter. Tag für Tag galt es der gesteckten Quote nachzujagen. Aber wer kaufte heutzutage seinen Staubsauger noch an der Tür? Leider hatte er keine andere Arbeit gefunden, und so musste er sich ständig mit skeptischen Hausfrauen, kurz angebundenen Ehemännern und kläffenden Hunden herumschlagen. Er war nur froh, dass man ihn dieses Mal in eine abgelegene Einzelhausgegend geschickt hatte, wo man wenigstens ab und zu noch einen Erfolg verbuchen konnte.

 

Johann parkte den Kombi am Kantstein und holte das Vorführmodell des LX Saugi II aus dem Kofferraum. Er steckte sich eine Tüte Staub in die Jackentasche, schloss den Wagen ab und begab sich zur Tür des ersten Hauses. Lang würde der Weg bis zum Feierabend werden.

´T. de la Croissant´ stand auf dem Türschild. Johann ertappte sich dabei, wie er gleichzeitig an französischen Adel und knuspriges Blätterteiggebäck dachte. Er drückte die Klingel und horchte angespannt nach dem Gebell eines wütenden deutschen Schäferhundes oder eines noch fieseren Dobermanns. Nichts dergleichen. Stattdessen waren schlurfende Schritte zu vernehmen. Erleichtert atmete er auf.

Die Tür wurde geöffnet. Eine Frau Ende dreißig erschien. Ihr dünnes Nachthemd verbarg nur dürftig ihren gut proportionierten Körper. Sie war weder geschminkt noch gekämmt, aber das tat ihrem Aussehen keinen Abbruch, gab ihm im Gegenteil sogar einen Hauch wilder und ursprünglicher Natürlichkeit.

Johann schluckte und begann mit seiner Vorstellung.

"Guten Tag, sehr verehrte Dame, ich komme von der Firma Saugmann und Co. und..."

Völlig unerwartet packte ihn die Frau am Ärmel und zog ihn durch die Tür.

"Kommen Sie erst mal rein, junger Mann, oder wollen Sie, dass ich mich hier draußen erkälte?"

Bevor Johann wusste wie ihm geschah, befand er sich im Haus und wurde ins Wohnzimmer bugsiert. Dieses war ziemlich groß und elegant und teuer eingerichtet. Er landete auf einem edlen, riesigen Wasserbüffelledersofa. Seine Gastgeberin trat an die Hausbar und stellte zwei Gläser auf die Theke.

"Sie nehmen doch auch einen Drink, oder?"

Während er noch nach den richtigen Worten suchte, mit denen er erklären konnte, dass er nur gekommen war, um einen Staubsauger - den LX Saugi II - zu verkaufen, hatte sie die Gläser bereits gefüllt und ihm eines davon in die Hand gedrückt. Als nächstes setzte sie sich ganz dicht neben ihn und legte den Arm um seinen Hals. Jetzt wurde er richtig nervös. Andererseits spürte er auch ein gewisses Prickeln, das durchaus angenehm war.

"Sie wollen mir also einen Staubsauger verkaufen", sagte sie. "Stellen Sie sich vor, ich habe schon einen."

Johann sah den Strohhalm, die Chance, wieder Herr der Lage zu werden, und er griff danach. Er schob jenen Einwand ein, den er in dieser Woche schon mindestens hundertmal vorgebracht hatte.

"Sicher, aber Saugmanns LX Saugi II saugt so ideal, gründlich und stromsparend, da kommt ihr alter Sauger nicht mehr mit. Wenn ich Ihnen das mal zeigen dürf..."

"Ich habe bereits einen LX Saugi II, und ich finde ihn keineswegs so toll, wie Sie ihn anpreisen."

Das gab ihm den Rest.

"Warum haben Sie mich dann hereingelassen?", fragte er tonlos.

Sanft ließ sie ihre Finger über seine Wange gleiten. Ihre Stimme wurde verführerisch, ihre Absichten unmissverständlich.

"Du bist so süß, ich muss dich einfach verwöhnen."

Ihre Lippen näherten sich langsam den seinen. Johann wich zurück.

"Aber Madame de la Croissant!""Claudine", hauchte sie, "mein Name ist Claudine."

"Aber auf dem Türschild steht 'T. de la Croissant'."

Wie er es in dieser Situation schaffte, daran zu denken, war ihm selbst nicht ganz klar, und er kam sich mit diesem Einwand auch etwas albern vor. Andererseits war er aber durchaus stolz auf seine Beobachtungsgabe.

"Mein Mann heißt Tom, aber er ist nicht da, und ich fühle mich sooo einsam."

Johann war ans äußerste Ende des Sofas gerutscht, doch sie rückte auf und begann, seine Jacke und dann sein Hemd aufzuknöpfen.

"Aber..."

"Ich kaufe dir hinterher auch einen Saugi ab", flüsterte sie und küsste ihn.

Mit so etwas hatte er nicht gerechnet. Aber wenn diese Frau nun mal auf ihn abfuhr. Johann gab seinen Widerstand auf. Er umarmte Claudine und entfernte das störende Nachthemd.

 

Sie waren beide voll in Ekstase, als man deutlich hörte, wie die Haustür aufgeschlossen wurde. Johann zuckte zusammen und seine Männlichkeit verlor sich in einem Anfall des Entsetzens.

"Verdammt, das muss dein Mann sein!"

Claudine warf einen flüchtigen Blick auf die Wanduhr.

"Nein, das ist der Briefträger."

"Der hat einen Schlüssel?", fragte der Vertreter erstaunt und gleichzeitig vorwurfsvoll. Eine irrationale Eifersucht stieg in ihm auf.

"Genau. Außerdem hat er einen Termin, das habe ich glatt vergessen. Wir können ja ein anderes Mal weitermachen. Passt es dir am nächsten Donnerstag?"

Johann war wie vor den Kopf gestoßen. Sein Traum von einer heimlichen Liebesromanze verpuffte zu nichts.

"Mach zu, zieh dich an", drängte sie.

Da war der Briefträger auch schon im Zimmer.

"Wer ist das?", wollte er wütend wissen und zeigte auf den Vertreter.

"Erzähle ich dir später. Zieh dich endlich aus, er zieht sich ja schon an." 

Der Briefträger war halb ausgezogen und der Vertreter war halb angezogen, als die Haustür zum zweiten Mal aufgeschlossen wurde.

"Wahrscheinlich der Milchmann, der sich im Termin geirrt hat", witzelte Johann zynisch.

Um so erschrockener war er, als Claudine schrie: "Kann nicht sein. Oh Gott, das ist mein Mann!"

Und da stand er auch schon, ein äußerst brutal aussehender Typ, der durch die Automatikpistole in seiner Hand noch wesentlich bedrohlicher wirkte.

Geistesgegenwärtig gelangte Johann mit einem Hechtsprung hinter dem Sofa in Deckung. Der Briefträger hatte weniger Glück. Er fiel über seine halb heruntergelassene Hose, und nachdem ihn die Kugel getroffen hatte, stand er auch nicht wieder auf.

"Verdammtes Luder!", schrie Claudines Ehemann und streckte mit einem sicheren Blattschuss auch seine untreue Gattin nieder.

Fieberhaft suchte Johann nach einem Ausweg. Gleich würde dieser Irre auch ihn gnadenlos abknallen.

"Komm raus, du Schwein!", rief der Hausherr und verlieh seiner Forderung Nachdruck, indem er eine Kugel in das Sofa fetzen ließ.

Unter diesen Umständen dachte Johann gar nicht daran, sich ohne weiteres in eine lebende Zielscheibe zu verwandeln. In seiner Jacke, die er vor der Hose angezogen hatte, fand er die Tüte mit dem Vorführstaub. Ein Plan und neue Hoffnung keimten in ihm auf. Blitzschnell schoss er aus seinem Versteck hervor und schleuderte seinem Gegner den Staub ins Gesicht. Dann nahm er alle Kraft zusammen und rammte dem Geblendeten das Sofa in den Magen. Im nächsten Moment befand sich die Pistole in seinem Besitz. Den Besiegten im Visier behaltend, zog er sich seine Hose an.

"Es Ihnen doch wohl klar", meinte er dann im Plauderton, "dass Sie das hier nicht überleben werden."

"Was kann ich nur tun, damit Sie mich nicht erschießen?!", flehte der eben noch so temperamentvolle Scharfschütze und warf sich vor dem Vertreter auf die Knie.

 

Es war das erste Mal, dass 50 Exemplare des LX Saugi II an einen einzigen Kunden zum doppelten Preis verkauft wurden. Und Johann Pichler strich auch noch die Extraprämie für den ´Verteter des Monats´ ein.

 

© 1997, Olaf Trint